17.Oktober 1934 (Mittwoch)
Namenstag
Gattinger hat nichts mehr von sich hören lassen und ist mir sehr recht.
Ich habe Mitte letzter Woche, wo Großmutter in Deining war an Karl nach Schloß Teising einen Brief geschrieben und habe zum Schluß zugegeben, daß ich ihm gut sein muß, das hat mich die halbjährige Trennung gelehrt.
Ich habe ihm sogar einen leisen Wink gegeben, er solle was bis zu meinem Namenstag hören lassen. Jetzt war weder vorher noch an meinem Namenstag etwas geschriebenes von ihm eingetroffen und ich dachte schon, daß das Wiedersehen am 1. Oktober nur ein rasches Aufflackern des alten Gefühls gewesen sei, ohne nachhaltige Wirkung, habe aber nicht im geringsten bereut, die Gelegenheit mit Hans ausgeschlagen zu haben.
Karl überrascht mich
Gestern Abend war mein Erstaunen um so größer, als mich Karl vom Geschäft abholte. Ich hatte es schon eilig, weil ich in einem Karitasfest in der Tonhalle mit dem Bonifazchor mitsingen sollte. Auch Mama, Großmama und Tante Marie waren dort und es war natürlich für alle eine Sensation, als ich nach unserem Gesang am Anfang gleich abhaute.
Schommergarten
Habe mich mit Karl bis 1/2 9h im Schommergarten zusammmenbestellt, sind bei strömenden Regen dorthin.
Karl war gestern aus Neumarkt von seinem Geschäft abgezogen worden und wollte mich überraschen.
Vieles, sehr vieles schwerwiegendes wurde gestern ausgesprochen, die Hauptsache aber war, daß wir wieder ganz ein Herz und ein Hirn waren, wie in unserer besten Zeit, ja inniger denn je.
Aus jedem Kuß fühlt man die Leidenschaft dieses jungen Lebens und ich war glücklich.
Allerdings fühlte ich auch die Gefahr zum ersten mal an mich herantreten, einmal schwach zu werden, aber ohne meinen freien Willen habe ich nichts zu befürchten und ich habe gestern inniger als je gebetet, mich nicht untreu meinem Grundsatz werden zu lassen, den Karl auch voll anerkennt.
Zuhörer würden sich wundern, wie wir über die heikelsten Dinge ganz vernünftig gesprochen haben und seine Grundsätze sind gut.
Allerdings fürchte ich, daß ich ihn nicht auf Jahre hinaus auf diese Art fesseln kann und das er entweder gerade jetzt bei der Reichswehr in schlechte Hände kommt oder eben für eine Weile wieder nichts von sich hören läßt.
Vor allem aber will ich meine Liebe der höchsten Vorsehung anempfehlen und mich jetzt der wiedergefundenen Seele freuen.
Anmerkungen
Schommergarten
Als „Schommergarten“ wurde das Lokal „Aumanns Bier- und Weinhaus“ in der Schommerstr. 18a ( heute Adolf-Kolping-Straße) genannt. Der Schommergarten servierte gutbürgerliche Küche und existierte wohl bis ca. 1938.
Namenstag
Wenn unsere Tagebuchschreiberin „Mitte letzter Woche“ an Karl geschrieben hat, müsste das Mittwoch, der 10.10.34 gewesen sein.
Namenstage nach Datum:
10.10.34 : Franz
11.10.34: Burchard
12.10.34: Maximilian
13.10.34: Eduard
14.10.34: Keine Angabe ( Sonntag)
15.10.34: Theresa
16.10.34: Gallus
17.10.34: Hedwig
Der Tagebucheintrag ist ja vom 17.10.34 und sie schrieb, dass sich Karl weder vor noch am Namenstag gemeldet hat. Da kommt dann als Vorname unserer Tagebuchschreiberin nur noch Theresa in Frage.

1934, Deutschland, Jugendliebe, Liebe, München, Namenstag, Nationalsozialismus, Reichswehr, Schommergarten, Tagebuch

Hinterlasse einen Kommentar…