3.10.1934 (Mittwoch)
Nachricht von Karl
Karte von Karl eingetroffen. Es war mein erster Triumpf in meiner Diplomatie, wenn er auch lange hat auf sich warten laßen und mit viel Herzleid erkauft wurde.
Der Grund für die Entfremdung
Denn der wahrste Grund unserer halbjährigen Entfremdung lag in einem einzigen kleinen Wörtchen und zwar in der Anrede „Frl.“ die Karl immer auf Karten und Briefen wegließ.
Ich wußte nicht, ob es ein Mangel an Bildung oder Absicht war, habe auf jeden Fall mich zur Radikalkur entschloßen und ebenfalls keine Anrede mehr geschrieben.
Das war auch einer der entscheidendsten Gründe, daß er nichts mehr hat hören lassen, zuerst hat er sich geärgert und dann hat er keinen Schneid mehr gehabt, den richtigen Ton zu finden.
Auf der Karte war jetzt deutlich das Wort „Fräulein“ hingeschrieben und das hat mich erst richtig glücklich gemacht, daß er diese wortlose Rüge verstanden hat.
Hans Gattinger
Nachmittags hat mich Hans Gattinger angerufen und abends vom Geschäft abgeholt. Er erzählte mir von seiner Rheinreise und wir vereinbarten einen Wiesnbummel für Mittwoch.
Es ist ganz lustig auf der Wiese mit seiner Schwester und deren Mann, seinem Freund und dessen Mädel mit seinem Bruder und Onkel. Mir war es peinlich, schon so „familiär“ eingeführt zu werden und kannte aus allem die ernsthaften Absichen für eine dauernde Liebe von Seiten Hans´heraus.
Ich schlug verschiedene Verabredungsvorschläge aus und verabredete mich erst für nächsten Montag.
Mein Entschluss steht fest.
Inzwischen bin ich zu dem endgültigen Entschluß gekommen, daß mein ganzes Herz Karl gehört und daß ich es nicht teilen oder anderweitig verschenken will. Selbst auf die Gefahr hin, daß wir uns auch nicht mehr sehen würden.
Außerdem tut es mir doch etwas leid den feschen Hans verlieren zu müßen, aber andernfalls hat mich der kleine Seitensprung gelehrt wieviel lieber ich Karl habe und daß es eine reine Kameradschaft so nebenbei in unseren Kreisen nicht gibt, daß man also andere Mädels nicht beneiden braucht wegen der vielen Verehrer; denn jeder Kostet ein Stück von der Moral und ich muß dabei an die Institutszeit denken, wo einmal Marie Judith warnte, man soll seine Gefühle nicht verzetteln damit sie für den einen Mann, dem man ein ganzes Leben gehört, nicht ungenügend und ganz reine sind.
Ich nehme in diesem Urteil keine aus, die sagt, sie treffe sich nur hin und wieder mit dem und dem und es ist nichts dahinter, daß ist bei ein wenig Moral nicht möglich, denn alle Männer sind Egoisten.
Soeben habe ich auch den Abschiedsbrief an Hans geschrieben und mir ist ganz wohl dabei.

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