9.9.34 (Sonntag)
Was tun wenn man sich langweilt?
Das Leben ist doch ein wechselvolles Spiel.
Wenn man sich am vereinsamsten fühlt, liegt das Glück so nahe. Ein Glückskäferl hat mir mittags vorhergesagt.
Ausflug zur Kugler-Alm
Ich war interessenlos und langweilig und wollte erst gar nicht fortgehen, als mich Mama überredete, daß wir nach Großhesselohe führen und von dort eine gute Stunde zur Kugler-Alm bei Deisenhofen.
Ich habe mich erst gelangweilt obwohl Großbetrieb dort war, mit Schiffsschaukeln, Pferderennen und Tanz nach „Dämmerung“ – auf 3 offenen Plätzen.
Die Tanzlust erwacht…
Das Publikum war sehr gemischt und es war eben was zum beobachten. Nebenbei kam mir aber große Tanzlust und ich hatte Mama schon gebeten, mir mir abends noch in München in den Wagnersaal oder den Zentralpalast zu gehen, beide weniger hervorragende, als tanzlustige Lokale.
Ich glaube, daß erstens meine Einsamkeit und zweitens der Mangel eines Radios oder gelegentlicher Theater- oder Konzertbesuche, dieses impulsive Reagieren auf jede Art von Musik bewirkt.
Ich muß mir doch noch eine Mundharmonika wie die Steffi und die Müller Lotte und Frl. Lob kaufen.
Also kurz und gut, es sah zuerst nach Bruch aus. Dann wollte ich eine Karte an Mymoser in den Kasten werfen in der Mama schrieb: „Deans eahna fei net irren! Wir warten auf de Birn!“
Weil Mymoser unverfrorener Weise bereits bezahlte Birnen einfach nicht schickt ohne ein Wort der Entschuldigung oder einer Absage ihres angekündigten Besuchs. Sie ist und bleibt wankelmütig und launenhaft mit einem guten Schuß Geschertheit. Es ist traurig genug, wenn man solche Menschen seine besten Freundinnen nennen muss…
– aber was tut man nicht alles für einen eigensinnigen Mann.
Drum mag ichs mir nicht ganz mit ihr verderben, im wenigsten die Hoffnung auf ein Wiedersehen auf der Hanfelder Kirchweih am 30. September zu haben.
Ein neuer Verehrer?
Es ist lächerlich, in einem Atemzug von einem anderen „Verehrer“ weiterzuschreiben, aber so ist eben das Leben und es ist keine Herzensuntreue dabei – bis jetzt.
Wie gesagt, traf ich als ich planlos durch den „Vergnügungspark“ der Kugleralm schlenderte, meinen prächtigen Tänzer vom Fasching im M.T.V. – Hans Gattinger.
Er hatte sein Rad dabei und zwei Damen, die sich aber während unserer langen Unterhaltung lautlos verabschiedeten, die Freundin seines Freundes und, deren Freundin, welchen er sozusagen die Garde wegen Verhinderung seines Freundes machen mußte.
Ich hatte mich über das Wiedersehen sehr gefreut und er ebenfalls und er setzte sich auf Mamas Erlaubnis an unseren Tisch und wir haben uns sehr gut unterhalten.
Endlich Tanzen…
Abends ging der Tanz weiter im großen Festsaal und es waren nette Leute dort und vortreffliche Stimmung.
Ich tanzte wie im Himmel, d.h. nach anfänglichen Hemmungen auch seinerseits kamen wir bald wieder in unseren herrlichen Rhytmus vom M.T.V. und ich kann eben mit ihm am besten tanzen
Da ist der Tanz nicht nur eine unbeholfene Komödie oder bestenfalls eine gelungene Aneinanderreihung von Tanzfiguren, sondern das Wiegen und Gleiten des ganzen Körpers und auf schöne und ästetische Weise, daß man restlos jung und glücklich sein kann.
Ein Tango machte gefühlvoll und ein liebster Walzer glücklich und wir küßten uns einmal dabei ganz leicht und lieb und es war soo schön!
Der Abend endet…
Dann begleitete er uns noch bei stockfinsterer Nacht nach Deisenhofen zur Bahn und mit einem „Auf Wiedersehn“ trennten wir uns auf der Bahn ohne ein Wiedersehn vereinbart zu haben und ich fühle mich trotzdem ganz wohl dabei.
Ich glaube die höchste Lebenskunst ist vorbehaltslos den Augenblick zu genießen, natürlich bis zu einer bestimmten Grenze, um die ich mich aber nicht zu sorgen brauche, weil sie eher immer zu groß ist.
Der einzige unliebsame Nachgeschmack ist das beleidigte Gesicht der Großmama wegen unserer Verspätung.
Anmerkungen
Kugler Alm
Die Kugler Alm war bereits in den 1930er Jahren eine florierende Vergnügungsstätte mit Waldrestaurant und eigenem, extra angelegtem Fahrradweg, Kegelbahnen und Tanzpavillon.
Eine Legende sagt, dass dort im Juni 1922 das Radler erfunden wurde. Dem Wirt drohte bei einem massiven Ansturm von Radfahrern das Bier auszugehen, weshalb er es kurzerhand zur Hälfte mit Zitronenlimonade streckte.
Am 25. Mai 1935 stirbt Franz Xaver Kugler. Seine Ehefrau und die Kinder führen die Kugler Alm bis zum 2. Weltkrieg weiter. Danach ist die Alm für viele Jahre geschlossen, um dann von verschiedenen Wirten bewirtschaftet zu werden. Auch heute ist die Kugler – Alm und die Wirtschaft ein beliebtes Ausflugsziel.
M.T.V.
Der Münchner Turnverein wurde 1879 gegründet und befand sich 1934 in der Häberlstraße in München. Das Vereinshaus wurde in dieser Zeit nicht nur als Sporthalle sondern auch für verschiedene Feierlichkeiten als Festsaal genutzt.
Hanfeld / Kirchweih
Das heute zur Stadt Starnberg gehörende Dorf Hanfeld war im Jahr 1934 eine eigenständige, ländlich geprägte Gemeinde.
Eine Kirchweih (in Bayern und Österreich oft „Kirta“ oder „Kirtag“genannt) ist eines der ältesten christlichen und dörflichen Feste im deutschsprachigen Raum.
Es verbindet ein religiöses Kirchenfest mit einem weltlichen Volksfest.

Hinterlasse einen Kommentar…