Vor Jahren bin ich in einem Antikshop auf ein Tagebuch aus der Zeit des Deutschen Reichs gestoßen. Die Tagebuchseiten sind für mich ein wertvoller Einblick, wie das Leben im Dritten Reich von ganz normalen Menschen empfunden wurde. In diesem Fall handelt es sich um ein Fräulein das in München lebte. Lasst uns ein wenig „durchs Schlüsselloch“ spähen und einen kleinen Moment mit ihr zusammen gehen.

1.8.34 (Mittwoch)

Frl. Dänner ist seit ihrer 3 monatigen Krankheit wieder im Geschäft. In Österreich geht es weiter und die beiden Mörder von Dollfuß – Planetta und Holzweber waren Nationalsozialisten und starben mit den Worten: „Es lebe Deutschland! Heil Hitler!“.

Engelbert Dollfuss
© Deutsches Historisches Museum
Engelbert Dollfuss
© Deutsches Historisches Museum


Hier wird ihre Tat politisch eben als gutgemeint aber verwirrt bezeichnet. Im Ausland ist überall Verwirrung und Widerspruch und kennt sich kein Mensch mehr aus. Zur größten Sorge aller ist unser verehrter Reichspräsident Generalfeldmarschall von Hindenburg besorgniserregende krank in Neudeck und die berühmtesten Ärzte wie Dr. Sauerbruch bemühen sich um ihn.


Erläuterungen zum Tagebucheintrag:

Dollfuß, Planetta und Holzweber:

Die Mörder des österreichischen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß, der am 25. Juli 1934 während des nationalsozialistischen Juliputsches erschossen wurde, waren die SS-Putschisten. Der Haupttäter, der die tödlichen Schüsse abgab, war der österreichische Nationalsozialist Otto Planetta.
Otto Planetta wurde nach dem gescheiterten Putsch zum Tode verurteilt und am 1. August 1934 hingerichtet. Historische Nachforschungen belegen zudem die direkte Beteiligung eines zweiten Attentäters namens Franz Holzweber.
(Hintergrund: Die Tat geschah während eines bewaffneten Umsturzversuchs der illegalen NSDAP im Bundeskanzleramt. Die Putschisten verweigerten dem schwer verletzten Kanzler jegliche medizinische Hilfe, woraufhin er verblutete.)

Reichspräsident Generalfeldmarschall von Hindenburg
Krankheitsverlauf und Diagnose:

Ab März 1934 verschlechterte sich der Zustand des 86-jährigen Reichspräsidenten rapide. Die Niereninsuffizienz führte zu einer Urämie (Harnvergiftung), die ihn zunehmend schwächte und schließlich im Juni 1934 zu einem bettlägerigen Pflegefall machte. Historisch umstritten ist das Ausmaß seiner senilen Demenz. Zeitzeugen berichteten von Phasen geistiger Abwesenheit und Verwirrung, in denen er Hitler teils mit dem Kaiser verwechselte. Akten und Historiker belegen jedoch, dass er wichtige politische Entscheidungen bis kurz vor dem Ende bei klarem Verstand absegnete.
Im Juni 1934 zog sich der todkranke Hindenburg auf sein ostpreußisches Gut Neudeck zurück. Er war von der Außenwelt isoliert und wurde von seinem Sohn Oskar und Adolf Hitler kontrolliert.

Der Reichspräsident und der Reichskanzer ( von Hindenburg und Hitler)
Aus „Kampf um‘s Dritte Reich“, Historische Bilderfolge, Copyright 1933 Cigaretten-Bilderdienst  Altona-Bahrenfeld

Aus „Kampf um‘s Dritte Reich“, Historische Bilderfolge, Copyright 1933 Cigaretten-Bilderdienst  Altona-Bahrenfeld



Dr. Sauerbruch – Der Leibarzt von von Hindenburg:

Im Sommer 1934 wurde Sauerbruch nach Ostpreußen auf Gut Neudeck gerufen, um den schwerkranken Paul von Hindenburg medizinisch zu betreuen.

Sauerbruch erkannte schnell die Hoffnungslosigkeit des Falls (Nierenversagen/Urämie). Er sorgte in den letzten Wochen vor allem für eine schmerzlindernde Behandlung.
Durch seine Anwesenheit am Sterbebett wurde Sauerbruch ungewollt Zeuge der politischen Intrigen. Er bekam aus nächster Nähe mit, wie die Nationalsozialisten und Hindenburgs Familie den alten Feldmarschall in seinen letzten Tagen abschotteten, um die Weichen für Hitlers Alleinherrschaft zu stellen.

Sauerbruchs Verhältnis zum NS-Regime war hochgradig ambivalent und widersprüchlich.

Er distanzierte sich nicht öffentlich vom Regime und wurde von den Nationalsozialisten als medizinisches Aushängeschild benutzt. 1937 verlieh Hitler ihm den Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft. Er stieg zum Generalarzt der Reserve und Fachspartenleiter im Reichsforschungsrat auf. Dadurch erlangte er auch Kenntnis von einigen medizinischen Menschenversuchen in Konzentrationslagern, gegen die er jedoch keinen offenen Widerstand leistete.

Gleichzeitig behandelte er in seiner Klinik an der Charité konsequent jeden Patienten, unabhängig von dessen politischer Einstellung oder Herkunft. Er versteckte jüdische Bürger und Verfolgte in der Klinik und bewahrte sie vor der Gestapo.

Sauerbruch war Mitglied der renommierten Mittwochsgesellschaft, einer Diskussionsrunde in Berlin. Viele Mitglieder dieses Kreises (wie Ludwig Beck oder Ulrich von Hassell) gehörten zum Widerstand des 20. Juli 1944. Sauerbruch selbst wusste von den Umsturzplänen gegen Hitler, war aber nicht aktiv an dem Attentat beteiligt. Nach dem Scheitern des Putschs wurde er von der Gestapo verhört, blieb aber aufgrund seiner enormen Popularität verschont.




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