16.9.1934 (Sonntag)
Wörthsee – ein Ausflug
Ich bin sehr glücklich, denn das ist es was mein Herz lange schon ersehnte: Am Sonntag wie die anderen jungen Leute hinaus ins Freie zu fahren und eben in der Natur jung und lustig zu sein, natürlich im anständigen Rahmen, dann arbeitet man gerne wieder eine Woche lang.
Wir fuhren um 9h ab und kamen nach einer ziemlich forschen Fahrt um 11h in Waldstadt bei Steinebach am Wörthsee an.
Ein wundervoller Nachmittag
Wir gingen zuerst ins dortige Gasthaus zum Mittagessen und dann in das große Freibad am Wörthsee. Wir schwammen ziemlich weit in den See hinein, der herrlich klarblau war und für die späte Jahreszeit noch sehr warm.
Dann vergnügten und trockneten wir beim Ringspielen und dann schliefen wir teils, oder plauderten, oder spielten Mundharmonika.
Als es um 5h schon kühler wurde gings wieder heim mit kurzer Rast in einem Gasthaus in Germering.
Hans erzählt über seine Famile
Er sage mir, daß seine Eltern früher das Hotel „Gattinger Hof“ in Diessen besessen haben und er seine meisten Freunde dort habe. Jetzt haben seine Leute hier ein Zigarettengeschäft, das die Eltern aber wegen ihres Alters nicht mehr recht führen können.
Hans denkt über die Zukunft nach
Er sagt, für ihn wäre es am besten wenn er bald heiraten würde und selbst das Geschäft übernehmen würde, bevor das ganze Geld hin ist. Aber er sagt er sei noch zu jung dazu mit seinen 24 Jahren und ich meinerseits schwenke beharrlich von diesem Thema ab, denn erstens will ich mich noch in keinster Weise binden und zweitens braucht er zum Instandsetzen eines heruntergekommenen Geschäfts eine Frau mit Geld und vor allen Dingen würde die Sympathie meinerseits noch nicht so weit ausreichen.
Eine Freundschaft in Ehren
Mein Grundprinzip ist jetzt, mich vom Schicksal treiben zu lassen denn alles anstemmen dagegen ist zwecklos, die Jugend noch möglichst genießen und warum sollte eine Freundschaft in Ehren nicht erlaubt sein, wenn man auch nicht ans Heiraten denken kann, denn zu einem Arbeiter, d.h. Automechaniker bei der Paulaner Brauerei kann ich mich nicht ohne weiteres entschließen, wenn er auch ein prächtigen Charakter und einen sonnenverbräunten strammen Körper hat.
Meine menschenfreundliche Art
Ich glaube, daß ich es wegen meiner menschenfreundlichen, d.h. ausgeglichenen Einstellung, die über die Standesgrade hinweggeht und nur den Menschen sieht einmal nicht sehr weit bringen werde und weil ich auch die vielberüchtigte und berühmte Weibeslist oft bis zur Grobheit verachte.
Das dürfte aber nicht in jedem Fall meinem Glück einen Abbruch tun, obwohl ich mich auch andererseits über Äußerlichkeiten, wie die Arbeiterhände, nur schwer darüber hinwegsetzen kann.
Zugleich hilft mir diese Menschlichkeit aber auch im positiven Sinne über Standesunterschiede hinweg, wie ich mich z.B. am Samstag, 15.9. bei meinem Besuch in der Isenstein-Apotheke mit den Herren Apothekern ganz natürlich und leger unterhalten habe.
Anmerkungen
Wörthsee
Um 1930 etablierte sich der Wörthsee als beliebtes Naherholungs- und Sommerfrischegebiet für Ausflügler aus München, geprägt durch den Ausbau der Bade- und Gaststättenkultur in Steinebach sowie den Zuzug neuer Eigentümer in traditionsreiche Gasthäuser.
Der Wörthsee ist von München ca. 30 – 40 km entfernt und heute immer noch ein wundervolles Ausflugsziel.

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