aus der Zeit – geschichtliche, politische und andere Ereignisse aus der Vergangenheit

Vor Jahren bin ich in einem Antikshop auf ein Tagebuch aus der Zeit des Deutschen Reichs gestoßen. Die Tagebuchseiten sind für mich ein wertvoller Einblick, wie das Leben im Dritten Reich von ganz normalen Menschen empfunden wurde. In diesem Fall handelt es sich um ein Fräulein das in München lebte. Lasst uns ein wenig „durchs Schlüsselloch“ spähen und einen kleinen Moment mit ihr zusammen gehen.

Tagebuch 24.07.1934
24.7.34
– Kinobesuch-

Gestern Abend gingen wir noch ins Sonthofener Kino weil sonst nirgends was los ist. Die „Kraft durch Freudler“ warten bloß auf die Gaudi, die man ihnen vormachen soll, selber sind wenigstens die, die in der Traube essen, ziemliche Hackstöcke.
Im Kino wurde das Stück „Heideschulmeister Uwe Karsten“ nach dem Stück von Felicitas Rose gegeben und es war sehr schön.

Hauptparade in Sonthofen

Heute gingen wir nach dem Frühstück zu dem schönen Platz vor der Turnhalle, wo der Reichsleiter der Deutschen Arbeitsfront Dr. Ley erwartet wurde.
Sehr gelungen war die vorherige Hauptparade der wahrlich zahlreichen S.A. der Umgebung und unter anderem gab der Befehlshaber die Anordnung durch den Lautsprecher, daß wenn die S.A. Leute für 10 Min. wegtreten dürfen ein jeder Sorge zu tragen habe daß jeder sofort sein Loch wiederfinde zum allgemeinen Halloh der Zuschauer.

Dr. Robert Ley
© Deutsches Historisches Museum

Dr. Ley und Oberbürgermeister Fiehler

Mit ziemlicher Verspätung trafen Dr. Ley, Oberbürgermeister Fiehler und noch mehrere hohe S.A. Führer per Auto ein.
Nach einer sehr schmißigen Rede Dr. Leys nahm dieser den Vorbeimarsch der S.A., des Arbeitsdienstes und der Arbeitsfront ab und nachher standen wir noch ein paar Meter entfernt von Dr. Ley und dieser fragte uns, ob wir lauter „Kraft durch Freude“ – Leute seien.
Mittags haben wir gut und reichlich gegessen und legten uns bis 5h ins Bett. Bei der Veranstaltung war das schönste Wetter und jetzt kübelt es wieder ganz gehörig.


Anmerkungen
„Heideschulmeister Uwe Karsten“ von Felicitas Rose:

„Heideschulmeister Uwe Karsten“ ist ein deutsches Drama und Heimatfilm-Klassiker aus dem Jahr 1933. Es basiert auf dem gleichnamigen Bestseller-Roman von Felicitas Rose.
Regie führte Carl Heinz Wolff. In den Hauptrollen spielen Hans Schlenck und Marianne Hoppe.
Der Film ist ein typisches Beispiel für das frühe deutsche Heimatkino. Es wird der Kontrast zwischen der „korrupten, anonymen Großstadt“ und der „heilenden, ehrlichen Natur“ thematisiert.

Felicitas Rose

 Rose Felicitas Moersberger, geborene Schliewen war eine der erfolgreichsten deutschen Heimat-Schriftstellerinnen des frühen 20. Jahrhunderts.

Felicitas Rose feierte ab ihrem Debütroman „Kerlchen“ (1900) kontinuierlich Erfolge.

Sie spezialisierte sich auf humorvolle, oft berührende Familiengeschichten aus der Welt von Bauern, Fischern und Kleinstädtern. Ihre Bücher erreichten eine Gesamtauflage von über einer Million Exemplaren.

Ihr mit Abstand bekanntestes Werk ist der 1909 erschienene Roman „Heideschulmeister Uwe Karsten“.

Das Buch wurde aufgrund seiner Popularität zweimal verfilmt. als UFA-Produktion im Jahr 1933 (Kinostart 1934) und als Farbfilm im Jahr 1954. Bei der ersten Verfilmung stand sie der Produktion in Müden noch persönlich beratend zur Seite.
Lange Zeit galt Rose primär als unpolitische Heimatdichterin, die das Idyll des Landlebens besang. Jüngere historische Untersuchungen – darunter ein Forschungsprojekt aus dem Jahr 2024 – werfen jedoch ein neues Licht auf ihre Biografie.

Kürzlich analysierte Briefe und Dokumente zeigen, dass die Autorin in ihren späten Lebensjahren eine deutliche Affinität zur NSDAP und zu Adolf Hitler entwickelte.

Der Begriff „Hackstöcke“

ein Synonym für einen Dummkopf, eine dumme oder unbewegliche Person

Oberbürgermeister Fiehler

Karl Fiehler (1895–1969) war ein deutscher NS-Politiker und von 1933 bis 1945 Oberbürgermeister von München. Er gehörte zu den frühesten Mitgliedern der NSDAP und war ein radikaler Wegbereiter der nationalsozialistischen Diktatur auf kommunaler Ebene.
Fiehler trat bereits 1920 der NSDAP bei, nahm 1923 am Hitlerputsch teil und stieg zum Reichsleiter der NSDAP für Kommunalpolitik auf.
Im März 1933 drängte die NSDAP den rechtmäßigen Münchner Bürgermeister Karl Scharnagl aus dem Amt. Fiehler übernahm im Mai 1933 den Posten des Oberbürgermeisters.
Unter seiner Führung wurde München im Jahr 1935 offiziell der Titel „Hauptstadt der Bewegung“ verliehen.
Dieser nationalsozialistische Propagandatitel bezog sich auf die Rolle der Stadt als Gründungs- und Aufstiegsort der NSDAP. Fiehler baute die Stadt zum repräsentativen und ideologischen Zentrum des Regimes aus.

Fiehler betrieb die Vertreibung und Enteignung (Arisierung) der jüdischen Bevölkerung Münchens aktiv voran. Bereits im Juni 1938 – Monate vor den Novemberpogromen – ließ er die jüdische Hauptsynagoge abreißen.
Er beseitigte die demokratischen Strukturen der Stadtverwaltung vollständig und richtete alle städtischen Ämter und Finanzen strikt nach dem Führerprinzip aus.
Während des Zweiten Weltkriegs organisierte er die Zwangsarbeit in der Stadt.
Er hielt die Verwaltung bis zum Einmarsch der US-Truppen im April 1945 auf NS-Kurs.

Fiehler tauchte bei Kriegsende unter.
Er wurde aber im Januar 1949 von einer Spruchkammer als „Hauptschuldiger“ eingestuft.
Das Urteil lautete zwei Jahre Arbeitslager sowie der Verlust seines Vermögens.
Er verbrachte seinen Lebensabend unauffällig in Dießen am Ammersee, ohne jemals echte Reue für seine Taten zu zeigen.





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