Handlesen bei „Frl. Luft“
Heute nachmittag war ich nach langem Überlegen mit Frl. Darnhofer bei „Frl. Luft“.
Es ist sonderbar, welchen menschenfreundlichen, herzerfrischenden Eindruck diese verkrüppelte etwa 30 jährige Frau auf mich machte.
Sie konnte aus der Schrift und den Handlinien die Charaktereigenschaften feststellen.
Einblick in die berufliche Zukunft:
Sie sagte, daß ich haupsächlich meinem Vater nach geschlagen sei.
Im Beruf, den ich an gleicher Stelle bis zur Heirat und dann nicht mehr ausführen werde, werde ich immer tüchtig und selbstbewußt sein.
Gesundheit:
Auch gesundheitlich hätte ich nichts zu befürchten, höchstens neige ich zu Gelenksrheumatismus. Soll mich vor Erkältungen in acht nehmen.
Männer:
Was die Männer anbetrifft, sagt sie, daß ich noch im besten Sinne des Wortes zu haben sei.
Seit Herbst letzten Jahres und Frühjahr dieses Jahr sei ich mit einem ernstdenkenden, arbeitsamen, strebsamen nur etwas von sich eingenommenen Manne befreundet. Doch sei dies durch 2/3 meine Schuld in die Brüche gegangen. Es sei mein allergrößter Fehler, daß ich den Männern gegenüber meine Überlegenheit so offen zeige: „Etwa wie, so bin ich eben und wenn es Dir nicht paßt, dann eben nicht!“
Womit sie sehr recht hat. Zuletzt tut es mir dann immer sehr leid und kann oft nichts mehr ändern. Verblüffend ist auch, daß sie erriet, daß er Elektrotechniker ist.
Heirat und Kinder:
Sie könne nicht mit Bestimmtheit feststellen, ob ich diesen Mann heiraten werde, auf jeden Fall darf ich in dieser Richtung jetzt nichts unternehmen; denn da ist gleich einem Feuer eine Mißstimmung am verrauchen.
Bis Ende September wird er sicher selber wieder kommen, und dann liegt es an mir, ihn durch liebenswürdiges Verhalten erneut zu fesseln.
Auf jeden Fall meinte er es wirklich ernst mit mir.
Auch sagte sie, daß ich bestimmt bis zum 22. Lebensjahr verheiratet sein werde und ein Mädchen bekäme.
Bei mir gehe das Heiraten zumal sehr schnell, da für mich ein langes Verhältnis nicht in Frage käme.
Also, Abwarten, bin neugierig, was alles eintrifft!
Anmerkungen
Wahrsager 1934
„1934 wurden vielerorts erstmals seit Beginn des nationalsozialistischen Regimes die Gesetze gegen ‚Wahrsagerei‘ verschärft. Verstöße wurden mit Geld- oder kürzeren Haftstrafen geahndet. Diese Verschärfung war zwar nicht ausdrücklich und allein gegen Sintize und Romnja gerichtet, doch wurde sie von einer antiziganistischen Berichterstattung in der Presse begleitet. Eine Auswertung des Deutschen Kriminalpolizeiblattes zeigt, dass überproportional viele antiziganistisch stigmatisierte Personen und fast ausschließlich Frauen von den Maßnahmen betroffen waren. Ermittlungen der Kriminalpolizei basierten meist auf Denunziationen aus der Mehrheitsgesellschaft.“
Erlass gegen ‚Wahrsagerinnen‘ Enzyklopädie des NS-Völkermordes an Sinti & Roma in Europa, Stand 7.7.2026

Handlesen. Abbildung „Chirologie“
© 1929 by F.A. Brockhaus /Leipzig
Brockhaus Eintrag über Chriologie (Handlesen) aus 1929:
Chirologie [grch.] , Handlesekunst, Lehre der Charakter- und Schicksalsdeutung aus Form und Linien der Hand; sie bildet die Grundlage der -> Chiromantie. Zur Deutung werden herangezogen: äußere Merkmale der Hand, Form der Hand und Finger, Nagelbildung; innere Merkmale: Handberge (Merkur-, Apollo-, Saturn-, Jupiter-, Venus-, Mond- und Marsberg), ferner die sog. Handlinien (Lebens-, Schicksals-, Kopf-, Herz-, Apollo- und Merkurlinie). Die Chirologie wird als ein sicheres Mittel der Ausdrucksdeutung von der Wissenschaft nicht anerkannt.
Wie kann man den Besuch einer Handleserin zu diesem Zeitpunkt des Nationalsozialismus einschätzen?
Schon kurz nach der Machtergreifung 1933 wurden okkultistische und etliche religiöse Bewegungen und Vereine als „staatsfeindliche Sekten“ eingestuft.
Der Umstand, dass die Schreiberin des Tagebuchs nach „langen Überlegungen“ doch die Handleserin besuchte, kann darauf hindeuten, dass es in der „Hauptstadt der Bewegung“ nicht gut angesehen war, eine solche Dienstleistung in Anspruch zu nehmen.
Das größte Risiko für die Verfasserin und Frl. Darnhofer war nicht die Gestapo, die an der Tür lauerte, sondern die Nachbarschaft. Wer beim Besuch einer Handleserin beobachtet wurde, galt schnell als „politisch unzuverlässig“ oder „abergläubisch“ – Vorwürfe, die zum Verlust des Arbeitsplatzes oder zu Verhören führen konnten.
Wer Frl. Luft im August 1934 besuchte, bewegte sich in einer juristischen Grauzone und riskierte, ins Visier der Behörden zu geraten – es war der Beginn einer Zeit, in der privates Vertrauen und spirituelle Suche im Geheimen stattfinden mussten.
Die echte, lebensgefährliche Welle gegen Menschen wie Frl. Luft rollte erst später an. Nach dem spektakulären „Englandflug“ von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß im Mai 1941 (der stark von Astrologen beeinflusst war), befahl Hitler die „Aktion gegen Geheimlehren und sogenannte Geheimwissenschaften“. Ab Juni 1941 wurden Wahrsager, Astrologen und Graphologen im ganzen Reich systematisch verhaftet, ihre Bücher beschlagnahmt und viele von ihnen in Konzentrationslager gesperrt.

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