aus der Zeit – geschichtliche, politische und andere Ereignisse aus der Vergangenheit

Willkommen auf der Dokumentationsplattform von Atelier T51. Unser Ziel ist es, historische Originalquellen aus den Jahren 1933 bis 1945 digital zu sichern und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Neben den fortlaufend veröffentlichten Original-Tagebüchern wächst das digitale Archiv stetig weiter. In Zukunft ergänzen wir die Sammlung um authentische Feldpostbriefe und andere behördliche sowie private Unterlagen aus der Zeit des Nationalsozialismus, um ein noch umfassenderes Bild des damaligen Alltags zu zeichnen.

Falls Sie uns gerne Original-Dokumente zur Verfügung stellen wollen, kontaktieren Sie uns gerne unter petra@vonkornatzki.de

13.8.34 (Dienstag)
Rede Göring

Es ist Abend und durchs Fenster hört man die Radiostimme des Ministerpräsidenten General Göring. Mama ist zum Königsplatz zur Kundgebung und Großmutter bereits im Bett.

Propagandabild "Hermann Göring" 
© 1933 by Cigaretten-Bilderdienst Hamburg-Bahrenfeld

Propagandabild „Hermann Göring“
© 1933 by Cigaretten-Bilderdienst Hamburg-Bahrenfeld

Kioskverkauf

Am Freitag dem 10.8. wurde der Verkauf des Kioskes in Lochham an Frau Pritschet perfekt gegen 300,–.
200,– bekam Tante Gretl und 100,– Mama.
Somit ist die Lochhamer Zeit entgültig beendet.


Viel Tragik und Mißgeschick hängt damit zusammen, angefangen mit dem Kiosk auf der anderen Seite mit Tantes Ersparnissen mit 2.000,– auf dem Grund des Baron Hirsch, Planegg.

Nach 2 Jahren gings immer schlechter mit dem Geschäft und die Unkosten wurden immer größer, 2 Einbrüche im Werte von 200,– und das alles warf uns kolossal zurück, daß es nur noch Loch auf, Loch zu ging. Ich musste nachmittags neben den Schulaufgaben und der Abi-Vorbereitungen nach Pasing fahren um immer kleiner und unvorteilhafter einzukaufen.

Papa

Der unrechten und jammerhaften Zusammenspielerei nicht zuletzt und dem unrentablen Betrieb an sich, war es zu verdanken, als im Januar 1931 der Tag kam, daß Mama und Papa bei Baron Hirsch, als dem Milchgläubiger vorsprechen sollten, um noch eine Stundung zu bewerkstelligen.

Papa war immer trotz seiner oft aufbrausenden und nervösen Art gefühlsmäßig sehr mit dem erst kurz bekommenen Betrieb verwachsen und ging ihm der unabwendbare Verlust sicher nahe.


Außerdem machten ihm die moralischen Wirrnisse und seelischen Abgründe in die er in seiner Tätigkeit am Arbeitsamt München im Schalterdienst schauen musste, zu schaffen.

Papas Tod

Er war nie krank außer einer früh aufgetretenen Neuralgie und der wahrlich großen allgemeinen Nervosität, die er seit dem Kriege nicht mehr los wurde.
Am 18.1.1931 wurde der liebe Papa so unerwartet das Opfer einer Herzlähmung, die infolge einer Herzkranzaderverkalkung auftrat.
Unbeschreiblich war die Angst und der Schrecken, den ich erlebte, allein mit ihm und nicht im Stande ein Wort über die Lippen zu bringen. Erst nach gut einer Stunde, in dieser Lage eine unendliche Zeitspanne, konnte Mama von Lochhausen heimfahren und konnte Papa nur noch tot antreffen.

Der Schicksalsschlag, der alles änderte

Ich kann mich noch heute gar nicht genug wundern, wie tapfer meine liebe Mama diesen schweren Schicksalsschlag nach dem vorhergehenden geschäftlichen ertragen hat.
Oft habe ich es schon fast bereut, daß wir beide damals so tapfer uns beherrscht haben und angesichts der finanziellen Not die seelische unterdrückt haben.

Nicht geweinte Tränen brennen jahrelang auf der Seele und machen hart.
Durch den Todesfall wurde der unvermeindliche Konkurs noch um eine Spanne von ca. 1/2 Jahr hinausgezogen und Mama gab sich alle Mühe, die Misere zu verhindern.

Tun was man tun muss

Was es um das Geld ist und wie es die Menschen verändert und mehr beherrscht als Freundschaft und Tradition, das lernte ich in diesen Tagen bis zur Menschenverachtung kennen.

Nach der Aufgabe des Kioskes hatte Mama noch einmal den Mut, einen kleineren Kiosk auf der anderen Bahnseite, den wir zuerst noch außerdem hatten, zu kaufen.

Die Wohnung war nun in Krailing für uns zwei zu groß und durch das Fahrgeld zu teuer, und wir mußten uns nach langem Sträuben entschließen in die Steinheilstraße nach München zu ziehen.

Dann fuhr Mama noch einen ganzen verregneten Sommer und selbst im Winter nach Lochham, um wenigstens die Pacht zu verdienen und häkelte nebenbei bei Tag und Nacht und mir graut heute noch von dieser schrecklichen Zeit, als Mama und ich jede freie Minute häkelten und häkelten und konnten bei größtem Eifer und größtem Fleiß wegen der fürchterlich schlechten Zahlung der jüdischen Firma Schmitt in der Amalienstraße, stündlich nicht mehr als -,10 Pfennige heraushäkeln.

Der Gedanke allein ist schon demütigend, wenn man so Stunde um Stunde „handarbeiten“ muß wie man es auch sonst vielleicht in den Musestunden täte, aber mit dem Zwang der vorgeschriebenen Menge und Zeit, einfach furchtbar.

Es geht aufwärts

Endlich gings wieder etwas aufwärts, als Mama durch die Vermittlung einer ehemaligen Schulkollegin ihre jetzige Buchhalterinnen-Stelle bei der Mehlgroßhandlung fest erhielt.

Ich wünsche mir sehnlichst, daß ich noch einmal in die Lage komme, meiner lieben Mutter alles zu vergelten was sie mir schon liebes getan hat.

Gegenwärtig leiden wir noch unter dem Zwang der Verhältnisse, daß wir unter dem Regiment der lieben Großmutter gar nichts zu sagen haben.

Die liebe alte Frau meint es sicher gut, wenn sie die ganze Hausarbeit für uns tut, unterdrückt aber nebenbei auch jeden Versuch, das Leben oder die Wohnung nach eigenem Geschmack zu verändern oder nur das kleinste von den alten Sachen, die mit Erinnerungen verbunden sind, zu entfernen.

Der wunde Punkt

Damit ist auch noch ein wunder Punkt + meine große Liebe zur Natur, die in den kahlen Häuserfronten, dem Verkehrslärm und den schmalen Streifen Himmel darüber wenig Befriedigung findet.

Doch bin ich durch das Leben bisher nicht sonderlich verwöhnt worden und habe das Sich-Bescheiden müßen bis zur Erniedrigung gelernt.

Sehnsucht


Verständlich bleibt mir, daß aus, all den Wirrnissen eine stille große Sehnsucht nach einem friedlichen Heim und einer liebenden Seele in mir groß wurde.

Und auf der Suche nach dieser Seele wurde ich auch schon enttäuscht, sowohl bei Freundinnen als auch von dem einen besten Freund, der bekannte, mich zu lieben.

Ich mache ihm keine Vorwürfe; denn er kannte den Ernst und die Sehnsucht in mir nicht und ich habe mich beherrscht und ihm nie gesagt, daß ich das Gleiche oder mehr fühle.

„Gott gib mir Kraft und Geduld“

Gestern war ich in Starnberg bei Mymosas.
Habe erfahren, daß Karl bestimmt im November zur Reichswehr kommt und Hoffnungen und Enttäuschung stehen im ständigen Widerstreit miteinander.

Ich will alles dem Schicksal überlassen, denn einerseits sind mir als Mädchen die Hände gebunden und andererseits kommt es doch anders als man denkt. Wenn ich nur einmal mich von den Gedanken freimachen könnte und mich treiben ließe vom Strom der Zeit, aber immer denken und grübeln und hoffen und das Ende wird eine verpasste und ungenützte Jugend sein; aber nein, nicht schon wieder denken, alles wie Gott es will, warum ist man denn katholisch erzogen worden; daß man nicht abwarten und ertragen kann.

Gott gib mir Kraft und Geduld!


Anmerkungen
Radioansprache von Göring


Am 13. August 1934 hielt der preußische Ministerpräsident Hermann Göring eine vielbeachtete Rundfunkrede. Der Titel der Rede lautete: “ Wir Lebenden haben Adolf Hitler“.
Die Rede diente als zentrales Propagandamittel zur Unterstützung der anstehenden Volksabstimmung am 19. August 1934.

Hermann Göring

Hermann Göring nahm im November 1923 in München am Hitlerputsch teil und trug maßgeblich zum Aufstieg der NSDAP bei

Göring war für die Gründung der Gestapo sowie die Einrichtung der ersten Konzentrationslager ab 1933 verantwortlich.

Göring leitete die Ermordung der SA-Führung um Ernst Röhm sowie politischer Gegner in ganz Deutschland.

„Baron Hirsch“

Die jüdische Familie von Hirsch besaß seit 1822 die Hofmark sowie das Schloss Planegg. Rund um 1934 sah sich die jüdische Bankiers- und Unternehmerfamilie im Zuge der NS-Machtübernahme zunehmendem Antisemitismus ausgesetzt. 1938 gipfelte dies in Enteignung, Misshandlungen und Deportationen.

Die Familie betrieb auf ihren Gütern eine bedeutende Milchwirtschaft. Der Kern dieses Betriebs war die sogenannte „Hirsch’sche Schwaige“ in Planegg bei Pasing.

Der Gutsbetrieb der Familie von Hirsch umfasste neben dem Schloss und der Schlossbrauerei Planegg auch Stallungen und Weideflächen zur Rinderhaltung.

Überregionale Bekanntheit in den Lokalchroniken erlangte die Milchwirtschaft durch einen Großbrand im November 1931. Das Feuer brach direkt in den Ökonomiegebäuden der Hirsch’schen Schwaige aus. Freiwillige Feuerwehren aus dem Würmtal und Pasing kämpften damals drei Tage lang, um das Vieh und die Stallungen zu retten.

1931 findet sich im Münchener Adressbuch der Eintrag

„Freih. v. Hirsch Dr. Rudolf
Gutsbesitzer “ nebst damaliger Adresse.

Rudolf von Hirsch und sein Bruder Karl von Hirsch wurden 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Rudolf von Hirsch wurde am 8. Mai 1945 durch die Rote Armee befreit. Karl von Hirsch starb am 3. Juni 1944 in Theresienstadt.

Kaufkraft 1931 zu 2026

2.000 Reichsmark entsprechen ungefähr einem durchschnittlichen Jahresgehalt in 1931.

Heute entsprechen 2.000 Reichsmark einer Kaufkraft von € 9.500 – 11.000.





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