aus der Zeit – geschichtliche, politische und andere Ereignisse aus der Vergangenheit

Vor Jahren bin ich in einem Antikshop auf ein Tagebuch aus der Zeit des Deutschen Reichs gestoßen. Die Tagebuchseiten sind für mich ein wertvoller Einblick, wie das Leben im Dritten Reich von ganz normalen Menschen empfunden wurde. In diesem Fall handelt es sich um ein Fräulein das in München lebte. Lasst uns ein wenig „durchs Schlüsselloch“ spähen und einen kleinen Moment mit ihr zusammen gehen.

Tagebuch 09.08.1934

9.8.34 (Donnerstag) „Freier Schwimmverein“


Freier Schwimmverein

Heute Vormittag überkamen mich sehr melancholische Anwandlungen, die ganz zuletzt sogar ein kleiner Trost sind.
Ich muß mich bemühen an die hohe Liebe zwischen Mann und Frau glauben zu können, diesem Traum eines jeden Menschenherzens, dieses Aufgeben und Aufopfern und Selbstvergessen, ohne, und das ist das Maßgebende, nur an die Sinne und die Leidenschaft zu denken, sondern nur die veredelte, ja vergöttliche Gestalt höchster Kameradschaft.


Es liegt mir nichts ferner als andere Menschen abzuurteilen, „denn richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ aber es hat mir doch einen tiefen Riß gegeben, dass gerade die Saller Steffi die ansich ein wertvoller Mensch ist, durch den Verkehr mit ihrem „freien Schwimmverein“ von ehemals, jetzt Zeltverein unbedingt innerlich jetzt eine moralische Stufe erreicht hat, die mit Mädchentum und scheuer Zurückhaltung nicht viel zu tun hat.


Und ebenfalls noch viele meiner Kolleginnen halte ich es sittlich nicht ganz einwandfrei und ich betrachte es als eine Fügung Gottes, daß ich jetzt wahrscheinlich den Telefonistinnenposten bekomme, und unabhängig werde.

Von Bundesarchiv, Bild 102-09292 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5414477


Sonst war bei uns in der Faktura immer die Kameradschaft hoch im Stehen, aber seit letzter Zeit werden so Redensarten gemunkelt die nicht für mich bestimmt sind.

Ich stehe auf dem Prinzip, daß jede wahre Liebe durch die Sünde entweiht wird und wenn letztere nur unter dem Deckmantel der ersteren ihr Leben fristet bis sie glücklich durch dringende Umstände in den Ehehafen führt, dann ist sie nicht das Ideal, auf das ich geduldig warten will. Lieber allein im Leben daß einem vor Wehmut die Rippen knacken, als eine „Freundschaft“ die keine ist.


Immer bleibt mir in diesem Sinne mein immer teurer seliger Vater in Erinnerung, dem die Frau und ihre Ehre immer hoch und unantastbar war und an den kein Stammtischgeschwätz und Witzemachen herankommte.


Anmerkungen

Telefonistinnen


Ein Telefonistinnenposten bekannt als das berühmte „Fräulein vom Amt“ – war ein extrem anstrengender, streng überwachter und körperlich fordernder Beruf.
In den 1930er Jahren liefen in Großstädten wie München durch den „Selbstanschlussbetrieb“ (die Wählscheibe) bereits erste Ortsgespräche automatisch. Per Hand werden Ferngespräche, Auskünfte und Sonderdienste vermittelt.

Die Telefonistinnen saßen in riesigen, meist lauten Sälen in einer langen Reihe nebeneinander vor sogenannten Klappenschränken. Die Frauen trugen schwere, unbequeme Kopfgeschirre mit einer Ohrmuschel und einem großen Sprechtrichter vor dem Mund (Abfragegarnitur). Wollte ein Teilnehmer telefonieren, fiel an der Wand vor der Telefonistin mechanisch eine kleine Metallklappe herunter. Sie musste sofort ein Kabel in die dazugehörige Buchse stecken, um den Anrufer zu hören. Dann dessen Wunsch abfragen und ihn über ein zweites Kabel mit dem gewünschten Zielteilnehmer verbinden.

Anhand des Tagebucheintrags vermute ich, dass die „Steffi“ unehelich schwanger wurde und deshalb den Bund der Ehe eingehen wird.

Als Telefonistin wird sie danach wohl nicht mehr arbeiten können, da die Regelungen damals sehr eindeutig waren.

Die „Fräulein vom Amt“ mussten echte „Fräuleins“ sein, d.h. sie durften nicht verheiratet sein oder gar ein Kind haben.

Freier Schwimmverein/Zeltverein:


Das Wort „Freier“ im Vereinsnamen deutet historisch fast immer auf die Arbeitersportbewegung hin (im Gegensatz zu den bürgerlichen Vereinen). Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, gingen sie sofort extrem brutal gegen alle Arbeitersportvereine vor.

Im Frühjahr 1933 werden Arbeitersportverbände verboten. Vermögen beschlagnahmt, die Konten gesperrt und Vereinsheime geschlossen.

Um der Enteignung, der Gestapo und dem kompletten Verbot zu entgehen, griffen viele dieser Vereine zu kreativen oder verzweifelten Tarnnamen. Da Wassersportvereine im Visier der Behörden standen, strichen sie das verräterische Wort „Wassersport“ oder „Schwimmen“.
Sie tarnten sich stattdessen als reine Freizeit-, Geselligkeits- oder eben „Zeltvereine“ bzw. „Faltbootvereine“.

Warum ein „Zeltverein“?

Der Freie Wassersportverein besaß (und besitzt bis heute) ein wunderschönes Gelände am Wörthsee. In den 1920er und 30er Jahren war das Zelten und Faltbootfahren dort unter den Mitgliedern extrem populär.

Durch die offizielle Umbenennung versuchten die Mitglieder das Vereinsgelände am Wörthsee vor dem staatlichen Zugriff der Nationalsozialisten zu retten.

Man wollte den Behörden vortäuschen, es handle sich nur um eine lose, private Camper-Gemeinschaft.

Fazit:

Wenn die „Saller Steffi“ 1934 Kontakt zu diesem „Zeltverein“ (dem ehemaligen Freien Schwimm- bzw. Wassersportverein) hatten, bewegte sie sich in einem Milieu, das unter scharfer Beobachtung des NS-Regimes stand.






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