1. Mai 1935 (Mittwoch)
1. Mai – Feier
Gestern Abend begingen wir feierlich im Geschäft die 1. Mai-Feier und wurden zuletzt fotographiert. Die Sache dauerte ziemlich lange und kam ich erst 1/2 8 heim.
Verabredung mit Karl
Ich hatte mit Karl verabredet, daß er am Dienstag wenn möglich mit dem Rad zu mir kommt um Bücher zum Lesen zu holen, wenn er oft bei Übung oder im „Warte-Dienst“ nichts besseres zu tun hat.
Ich habe schon unten kein Licht im Wohnzimmer gesehen und im Hauseingang kein Rad und so nahm ich an, daß er nicht gekommen ist.
Daher war meine Verwunderung groß, als ich im Gang seine Mütze mit dem Koppel hängen sah.
Mama erzählte mir rasch in der Küche, daß er schon vor ihr kurz vor 7h gekommen sei, also von Großmama, die nichts wußte, empfangen wurde.
Großmama saß also mit Karl in dem dämmrigen Zimmer als ich kam, anscheinend sich gut unterhaltend.
Die Reichsdirektion
Ich hatte Karl viel zu erzählen, vor allen dingen hatte ich in der Frühe einen Brief von der Reichsdirektion erhalten mit dem Vermerk „Eilt“, d.h. mich umgehend vorzustellen.
Karl hat Humor
Wir mußten sehr lachen über seine gelungene Art beim Lesen des Schreibens, in dem es heißt: „Die ersten drei Wochen keine Bezüge“ und er ergänzte: „Und dann nur noch Abzüge!“
Er hat eine humorvolle Art über irgendwelche Klippen im Gespräch hinwegzukommen und er hat Mama und auch Großmama einen guten Eindruck gemacht, nur ist das große Fragezeichen, daß er laut leiser Anfrage Großmamas beim „Braunen“ bleiben will und Großmama hat Angst, daß ich mich 12 Jahre an „den“ hinhänge etc.
Ich aber warte auf eine günstige Fügung Gottes, habe ihn eben in Ehren lieb und ich brauche eben ein Herz, das mich ganz versteht, wenn wir auch noch nicht heiraten können.
Maitanz
Heute Abend habe ich mich mit Anni Reitz zum Maitanz verabredet und will ich mir sie mit ihrer Mutter warmhalten, da letztere schon lange Jahre bei der Verwaltung der Reichswehr tätig ist und sie eventuell einmal für Karl von Nutzen sein kann.
Maria Moser
Am Sonntag als Karl und die Steffi bei mir waren kam unerwartet die Tante von Maria Moser, denn Marie hat schon längere Zeit in München ein Zimmer und hat mich zwecks eines Pumpernickels ganz erbärmlich angelogen, von einer Fahrt nach Amsterdam etc.
Mama hat eben eine edle Seele und ist ihr trotz allem behilflich eine gute Stellung zu finden und ist das auch mir eine Erleichterung zu wißen, daß sie durch uns nochmal eine Chance hat, ein neues geregeltes Leben anzufangen und ich brauche mich nicht mehr in der Schuld ihrer Eltern zu fühlen für die schönen Tage, die ich in Starnberg verlebt habe.
Anmerkungen
Reichsdirektion
1935 sind die Deutsche Reichspost als auch die Deutsche Reichsbahn als riesige Staatsmonopole organisiert.
Der Begriff „Reichsdirektion“ kann auf beide Organisationen zutreffen.
Das Fernmeldewesen war eine kritische Infrastruktur. Wenn eine Telefonistin (egal ob fest angestellt oder als „außerplanmäßige“ Kraft) den Befehl erhielt, sich unverzüglich zu melden, handelte es sich oft um eine Sofort-Einberufung zur Besetzung einer kriegswichtigen oder strategischen Dienststelle
Üblicherweise wurden 1935 die ersten Wochen einer Neuanstellung als unbezahlte Probe- oder Anlernzeit deklariert.
Es wurde lediglich für Kost und Logis gesorgt . Erst mit der endgültigen Übernahme in den regulären Dienst nach drei Wochen setzte die Besoldung ein.
Für mich ist es stimmig, dass sie als Telefonistin in München von der „Reichsdirektion“ der Post angeschrieben wurde. Damals war der Rundbau in der Arnulfstraße auch der Hauptsitz der Post.
Bis 1985 war in der „Arnulfpost“ (auch „Postpalast“ genannt) die Paketsortieranlage. Ab 1985 nutzt die Post den Standort als Cafeteria und später wurde der prägnante Rundbau als Veranstaltungsort unter anderem auch für kleine Messen etc. genutzt. Ende 2019 kaufte Google den Postpalast – er wird nun als Google-Standort in München genutzt.

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