2.12.34 (Sonntag)
Karl
Am Mittwoch, 21. Nov. heuer neu eingeführten Feiertag – Buß und Bettag war ich bei Karl in der Kaserne.
Er hat sich sicher gefreut und wir haben uns im Kameradschaftsheim sehr gut unterhalten.
Gerüchte
Es ist das harmloseste ding der Welt, so ein Kasernenbesuch und doch rümpft man die Nase darüber.
Es ist komisch und tragisch zugleich, was die offensichtliche Meinung aus einer Sache machen kann. Man muß eben damit rechnen und ich habe Großmutter lieber garnichts davon erzählt.
Ausgang mit Karl in Uniform
Am Sonntag glaubte Karl seinen ersten Ausgang zu haben und er wollte mir auf alle Fälle schreiben, aber entweder hat er schon letzten Sonntag keinen Ausgang bekommen oder er ist bloß wieder zu schreibfaul.
Vorläufig macht es mir noch keine Kopfzerbrechen, daß er noch nichts von sich hab hören laßen, im Geheimen bangt mir doch noch immer vor dem ersten Ausgang mit ihm in Uniform.
Verabredung mit dem Apotheker
Dagegen habe ich mich am letzten Mittwoch sehr charmant und elegant unterhalten, als ich von Herrn Drasch aus der Karmeliten-Apotheke für abends zum Tanzen eingeladen wurde.
Ich kann am Telefon nicht viel persönliches sagen, um nicht den Neid oder Mißtrauen bei meinen Kollegen zu erwecken und mit Ja & Nein – allein kommt man schlecht aus.
Der falsche Ort
Es war also Treffpunkt 1/2 9h am Odeonsplatz unter der Uhr vereinbart und ich nahm ohne weiteres gleich den Wittelsbacherplatz an, noch dazu als ich „Odeons-Casino“ las, dachte ich, daß der Platz sicher auch noch Odeonsplatz heißt und wartete geduldig dort an der Uhr.
Um 8/50 hatte ich schon richtig genug, war außerdem schon stark erkältet und wollte schon gehen und überlegte gerade wie wir uns wohl am nächsten Tage auseinandersetzen können am Telefon, wenn ich nichts sagen kann, um nicht die Schadenfreude vor allem Herrn Röhn`s zu erwecken, der schon etwas von dem Rendezvous geahnt hat.
Odeon-Casino
Drum ist mir richtig ein Stein vom Herzen gefallen, als er doch noch kam, er wollte eben in den Schottenhamel gehen und ich war natürlich etwas beschämt wegen meiner Stadtunkenntnis.
Wir gingen dann ins Odeon-Casino und haben dort sehr elegant getanzt, er ist schwarzhaarig und elegant gekleidet und hat ein tadelloses Benehmen.
Das ist alles, was man in den oberen Kreisen die kleinen Ausgänge und Unternehmungen nennt, rein kameradschaftlich-entspannend.
Ich hatte ein schwarzes Spitzenkleid an und konnte mich schon sehen lassen.
Um 1/2 12 brachte er mich an die Straßenbahn weil ich wegen meiner Erkältung schon ziemlich müde war.
1. Advent
Heute ist der erste Adventssonntag und ich bin mit Mama allein daheim.
Jetzt gehen wir zu Tante Marie in die Häberlstraße.
Im Geschäft ist zur Zeit Kriegsstimmung und Hochbetrieb und ich hoffe mir mehr Liebenswürdigkeit angewöhnen zu können.
Anmerkungen
„Kriegsstimmung“
Zum Gefühl, dass Kriegsstimmung im Land und vor allem in München – als Hauptstadt der Macht – herrscht, haben vermutlich mehrere Aktionen beigetragen:
Im Spätherbst und Dezember 1934 wird die verbliebene SA in München massiv umstrukturiert und unter strengste militärische Disziplin gestellt. Die Kasernen werden abgeriegelt.
Für die Münchner Bevölkerung sah das Straßenbild Anfang Dezember oft nach Kriegsvorbereitung aus: Es gab überraschende, nächtliche Großalarme, Märsche und Verlegungen von SA- und SS-Einheiten im Stadtgebiet. Da das Regime den wahren Grund (interne Säuberungen und Disziplinierung) verschwieg, glaubten viele Bürger an eine geheime Mobilmachung für einen bevorstehenden Krieg.
Für den 13. Januar 1935 war die historische Saarabstimmung angesetzt. Das Saarland war seit dem Versailler Vertrag vom Völkerbund verwaltet. Die Bevölkerung sollte entscheiden, ob sie zu Deutschland zurückkehren, zu Frankreich gehören oder den Status quo beibehalten wollte. Im November und Anfang Dezember 1934 überschlugen sich die Gerüchte, dass Frankreich Truppen mobilisieren würde, falls es an den Grenzen oder im Saarland zu nationalsozialistischen Ausschreitungen käme.
In München, dem logistischen Knotenpunkt Richtung Süden und Westen, machten sich Gerüchte über Truppenbewegungen der Reichswehr und die heimliche Bewaffnung von Grenztruppen breit. Die Menschen befürchteten im Dezember 1934 konkret, dass ein deutscher Einmarsch oder französische Gegenmaßnahmen einen neuen europäischen Krieg auslösen könnten.
Auch die Sprache der Nationalsozialisten trägt massiv zur kriegerischen Atmosphäre bei. Politische und wirtschaftliche Programme werden konsequent in Militärsprache gekleidet. Da im Radio oder im Völkischen Beobachter im Wochentakt von der „Arbeitsschlacht“, von „Fronten“ und der „Festung Deutschland“ gesprochen wird, verstärkt dies vor allem bei der älteren Generation die Panik, dass der tatsächliche Kriegsausbruch kurz bevorsteht.
Odeons-Casino
1826 – 1828 wurde das sog. „Odeon“ auf der Westseite im Auftrag von König Ludwig I. erbaut. Das Gebäude wurde als Konzertsaal und für Bälle genutzt . Im ersten Stock befand sich ein Konzertaal (Bestuhlung für 1400 Plätze) mit ausgezeichneter Akustik.
Ich vermute, dieser Konzertsaal wurde während der Zeit des Nationalsozialismus auch als Tanzsaal genutzt.
Am 29. April 1944 wird das Odeon vollständig durch Bomben zerstört Der Wiederaufbau beginnt 1951 unter der Leitung von Josef Wiedemann. Seit 1954 befindet sich das Bayerische Innenministerium in dem Gebäude.
Der ehemalige Konzertsaal wird als Innenhof gestaltet. 2007 wird der Innenhof mit einer Glaskuppel überdacht.

Hinterlasse einen Kommentar…