Erster Tagebucheintrag

20.06.1934
Widmung:
Die Unschuld des Mannes heißt Ehre;
die Ehre der Frau heißt Unschuld.
M. v. Ebner-Eschenbach
Mögest Du diesem Büchlein nun Gutes & Schönes hinzuzufügen haben!
Deine dich liebende treue Mutter
20.06.1934
Erster Eintrag
2.Juli 1934
Mit Gott will ich beginnen – Man meint, es müßte ein großer Moment kommen, an dem man dieses Büchlein zu schreiben beginnt, aber die großen Momente sind die wenigsten im Leben.
Immerhin war es am Samstag, den 30. Juni ganz erfreulich, als wir im Renata-Heim einen Sommernachts-Abend von der Firma Stumpf veranstalteten, wo ich mit einem Gedicht viel Beifall fand.
Ich glaube, daß Menschen, die sich ganz ausdrücken können, beim Vortragen eines Gedichtes etc., besonders im komischen Sinne, daß die selber am wenigsten tief befriedigt sind; vielleicht ist es ein Mangel am Sich-aussprechen-können, daß man so mit Hingabe sprechen kann.
Der Beifall hat mich schon gefreut, vor allem, daß die Chefs nicht nur den Kuli in mir sehen und die Kollegen und Kolleginnen hatten ihren Spaß dabei.
Außerdem machte mir ein gewisser H. Schmitt Komplimente. Ich glaube, er hört sich gerne selbst reden und ich weiß nicht, ob ich ihm vertrauen könnte.
Es ist immerhin erfreulich, wenn man bei einer solchen Gelegenheit von einer neutralen Persönlichkeit ernst genommen wird und es ist immerhin möglich, daß es, wie er sagt, mir an Anregung fehlt und daß ich mich mehr auf das Schreiben verlegen sollte. Vielleicht treffen wir uns noch einmal.
Gestern war ich in Starnberg bei Marie und beim Baden. Abends unerwartet Karl getroffen. Hat sich zwei Tage lang in den SS Dienst stellen lassen müssen und war bei der Verhaftung der Röhm-Staatswache dabei.
© Deutsches Historisches Museum
Ernst Röhm, vor 1933
Es war sicher eine große Tat unseres Führers Adolf Hitler, wenn er so hart gegen seine einstigen Kameraden vorgehen konnte.
Staabschef Röhm wurde seines Amtes enthoben und gestern erschossen, außerdem noch sieben S.A. Führer, die in verräterischer Absicht sich gegen die Regierung auflehnten.
Ich sagte Karl gestern und es ist mein einziges Bedenken dem Nationalsozialismus gegenüber, ob es nicht noch zu Streitigkeiten zwischen den Katholiken und dem Nationalsozialismus kommt, wo doch viele S.A. und S.S. Leute Katholiken sind und außerdem sich die Kirche wirklich noch sträubt.
Es gibt mir oft zu denken, ob es richtig ist, daß sich die Kirche mit der Politik befaßt und man müßte im Notfalle hinter ihr stehen wegen des Glaubens und ist außerdem auch mit der Staatsführung einverstanden.
Großmutter lehnt sich schwer gegen letztere auf. Sie kann sich eben nicht in das Neue finden, aber; wenn auch nicht alles rosig ist und sein kann, ein Guter frischer Hauch der Veränderung weht jedenfalls durch das deutsche Vaterland und alles was Jugend heißt wäre rückständig, wenn es sich dagegen wehren wollte.
Politik als Lebensinhalt bleibt immer Glatteis, kann sie auch an sich so gut sein wie nur möglich. Und es gehören Männer dazu, die sich darauf sicher bewegen ohne übermütig zu werden und auszugleiten und doch immer die nötige Begeisterung aufbringen, die notwendig ist in jeder Einheit, denn Stillstand wäre auch hier Rückgang.
ANMERKUNGEN Zum ersten Tagebuch Eintrag vom 2. Juli 1934
Begriff „Kuli“
abwertende Bezeichnung für eine Arbeiter/Arbeiterin.
Dr. Robert Ley, Leiter der Deutschen Arbeiterfront (DAF) nutzte den Begriff 1934, um die Überlegenheit deutscher Arbeiter zu propagieren: „Der Deutsche ist als Kuli zu schade, als Facharbeiter erobert er die Welt“. Hierbei wurde „Kuli“ als Innbegriff der niedrigsten Stufe der Arbeitswelt dargestellt, während der „Facharbeiter“ das nationalsozialistische Ideal verkörperte.
Renata Heim

Scheint ein Seniorenheim in in der Jagdstraße 8 in München Neuhausen gewesen zu sein. Erbaut wurde es 1930. Heute gibt es an der Stelle (jetzt Jagdstr. 14) einen Gedenkstein mit der Inschrift: „Hier stand das 1930 errichtete Altenwohnheim Renataheim in dem auch jüdische Mitbürger wohnten.“

Direkt unter der Platte ist in den Stein ein Hebräischer Text geschlagen:
Den Text hat mir ein lieber Freund übersetzt, der Hebräisch spricht:
„es spricht sich „sechor“, wobei das e ganz kurz, ja fast stumm gesprochen wird.
Es ist der Imperativ von „liskor“, sich erinnern, also „erinnere dich“. Gleichzeitig auch ‚erinnert‘, im übertragenen Sinne von „man erinnert sich / wir erinnern uns“. Dann würde man es „sechur“ aussprechen, also ein U anstelle eines o. Beides macht in der hebräischen Schreibweise keinen Unterschied und auch in der Aussprache dürfte kaum ein Unterschied zu merken sein, da o und u beide „verschliffen“ werden.“
Danke für die Übersetzung, lieber Uwe!
-> Leider habe ich ansonsten sehr wenig über das Renata-Heim herausgefunden. Wenn ich mehr herausfinde, ergänze ich hier.
Firma Stumpf
zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch nicht gesichert, um welche Firma es sich handelt. Es könnte sich um eine Niederlassung der Firma OSTAG (Otto Stumpf AG) in München handeln. Die Firma wurde ursprünglich als Einzelunternehmen in Chemnitz (April 1919)zum Handel mit Pharmazeutika an Apotheken eingetragen. Das Einzelunternehmen entwickelte sich weiter zur Offenen Handelsgesellschaft und schließlich zur Aktiengesellschaft (13.04.1922). Die AG gründete sehr rasch weitere Niederlassungen in Deutschland unter anderem auch in Plauen, Leipzig, Dresden, Naumburg, Breslau, Hof und Görlitz.
Die Niederlassung in München wurde 1930 eröffnet.

lasst mir gerne ein Kommentar da!