29.April 1935 (Montag)
Rückblick
Liebes Buch, jetzt habe ich Dich lange vernachlässigt, aber Du sollst wieder zu Ehren kommen, denn das Leben ist zur Zeit schön und ereignisreich.
Mein Schi-Urlaub nach Aschau vom 20. – 27. Januar war eine herrliche Zeit und meine Ostertour von 8 Tagen aufs Brauneck, die voll Abenteuer und Hindernisse war, ist mir noch in schönster Erinnerung und bin noch braungebrannt und blaugefleckt davon.
Karl
Vor allen Dingen aber brauche ich das liebe Buch jetzt wieder für meine Herzensprobleme, die ich selbst mit der lieben Mama nicht auseinandersetzen kann.
Letzten Mittwoch rief mich Karl im Geschäft an, er war auch auf der Tutzingerhütte beim Schifahren und hat mich sogar mit den 2 Apothekern gesehen, Herrn Karl und Anton aus der Sonnen-Apotheke, mit denen zusammen ich ihm eine Karte nach Starnberg geschickt habe.
Verabredung
Wir verabredeten uns um 8h am Massmannplatz und bummelten auf dem Oberwiesenfeld umeinander und wurden nicht fertig mit lauter Erzählen.
Ich habe mir dann einen Anlauf genommen und ihn für gestern, Sonntag, eingeladen. Zugleich habe ich Steffi eingeladen, daß noch ein neutraler Dritter da ist mit dem er sich lustig unterhalten kann.
Tante Marie und Marianne
Ausgerechnet fuhr letzten Dienstag Marianne ohne Abschied nach Hannover in eine Gymnastik-Schule für eine 2-jährige Ausbildung als Gymnastik-Lehrerin und mußten wir die Tante Marie aus der Häberlstr. einladen, weil doch jetzt ihre beiden Kinder in der Fremde sind.
Vorbereitungen für Sonntag
Ich habe mich an Tante Gretl herangemacht, daß sie sich um den schwierigen Fall annimmt, daß die Tante Marie nicht da ist, wenn Karl kommt, denn das wäre gefährlich mit ihren Fragen und Besorgtsein.
So haben sich die zwei Tanten und Großmama gleich nach dem Essen auf die Socken gemacht zu einer Beerdigung und so war die Situation gerettet.
Ein schöner Nachmittag
Ziemlich pünktlich kamen auch meine zwei Gäste an und wir haben uns bei bester Laune ausgezeichnet unterhalten. Um 1/2 5h begleiteten wir dann die Steffi bis zum Friedensengel und gingen dann durch den Englischen Garten zum Hofbräuhaus.
Ich hatte ein neues ziemlich helles grünes Complet an und wir zwei großen, braungebrannten jungen Leute erregten überall Aufsehen. Karl machte das Spaß und ich überwand auch das komische Gefühl wegen seiner Uniform, die jetzt schon viel höher in der allgemeinen Meinung gestiegen ist, nachdem vor kurzem die Allgemein Wehrpflicht proklamiert wurde.
„Ich könnte sterben für ihn“
Nach dem Hofbräuhaus gingen wir noch durch den Englischen Garten und da hat mir Karl seine Liebe neuerdings gestanden und hat mich geküßt, daß ich hätte sterben mögen vor Seeligkeit.
Das ist der Mann meiner großen Liebe und wir verstehen uns in allen Stücken und ich könnte alles zurücklassen, selbst sterben für ihn, das klingt sehr romantisch, aber ich glaube fest daran.
Karls starke Männlichkeit
Aber der bittere Wehrmutstropfen fehlt auch bei diesem Glück nicht.
Wenn Karl mich in seiner starken Männlichkeit in seinen Armen hält, dann fühle ich seine Sehnsucht, mich ganz zu besitzen und ich muß meine ganze Kraft zusammennehmen, um nicht schwach zu werden.
Jetzt wo mir das Glück so nah wäre wie nie und er meiner Mutter vorgestellt ist, muß ich ihn eigentlich wieder abstoßen, aber ich kann über meinen Grundsatz nicht hinaus, und wenn er das Herzblut kosten würde.
Ich machte ihn ein bißchen eifersüchtig mit der Erzählung von der Werbung Gattingers und er erzählte mir, daß er mich die ganze Zeit unserer Trennung geliebt habe, die Trennung aber mußte sein, weil er mich schonen wollte und ich fühlte, daß er die Wahrheit gesprochen hat.
Was weiß denn ich von den Männern und ihren Gedanken und so eine feurige Männlichkeit, die mich so entzückt, läßt sich eben auf die Dauer nicht zurückhalten.
Karls „Abenteuer“
Er erzählte mir freimütig von einem berechneten Abenteuer in Neumarkt und ich konnte ihm deshalb noch nicht einmal zürnen.
Ich kann nur Gott aus ganzer Seele bitten, daß er mir ihn nicht auf unglückliche Abwege kommen läßt, durch meine Keuschheit und daß er ihn mir durch Radtouren in der Schönheit der Natur kameradschaftlich erhält.
Die zahrte Hoffnung, ihn einmal wirklich in der Ehe zu besitzen will ich in die weisen Hände Gottes und seiner Mutter legen!
Anmerkungen
Massmannplatz
Der Maßmannplatz liegt an der Maßmannstraße (zwischen Heß- und Schleißheimer Straße) und bildete damals die Nahtstelle, an der das bebaute Stadtgebiet der Maxvorstadt direkt in das militärisch genutzte Oberwiesenfeld / Exerziergelände überging.
Complet
Das Wort bezeichnet ein mehrteiliges, perfekt aufeinander abgestimmtes Ensemble. Typischerweise bestand es aus einem wadenlangen Kleid und einer dazugehörigen Jacke (oder einem Mantel), die aus exakt demselben Stoff, in derselben Farbe und mit demselben Muster gefertigt waren.
Allgemeine Wehrpflicht
Am 16. März 1935 verkündete die nationalsozialistische Reichsregierung das „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht“ und führte damit die allgemeine Wehrpflicht in Deutschland wieder ein.
Die Einführung war ein offener und massiver Bruch der Bestimmungen des Versailler Vertrages von 1919. Dieser hatte Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg eine allgemeine Wehrpflicht untersagt und das Heer auf maximal 100.000 Berufssoldaten beschränkt.
Einen Ersatzdienst gab es nicht. Wer den Dienst mit der Waffe verweigerte, wurde als Deserteur oder wegen Wehrkraftzersetzung verfolgt, was im Nationalsozialismus streng geahndet wurde. Zudem wurden Menschen aus rassistischen oder politischen Gründen im Gesetz als „wehrunwürdig“ eingestuft und systematisch vom Dienst ausgeschlossen.

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