Feldpostbriefe vom 7. 5. 1941
Historische Einordnung
Die Feldpostbriefe entstanden am 7. Mai 1941 in einer Phase scheinbarer militärischer Stärke des Deutschen Reiches. Mit der Besetzung Jugoslawiens und Griechenlands waren die deutschen Feldzüge auf dem Balkan nahezu abgeschlossen. Gleichzeitig bereitete die nationalsozialistische Führung unter strengster Geheimhaltung bereits den Überfall auf die Sowjetunion vor, der am 22. Juni 1941 als „Unternehmen Barbarossa“ begann. Während die deutsche Öffentlichkeit noch von weiteren Erfolgen gegen Großbritannien und im Mittelmeerraum erfuhr, wurden im Hintergrund bereits die militärischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für einen ideologisch motivierten Vernichtungskrieg im Osten geschaffen.
Bei der Interpretation ist zudem die Biographie Otto Coenens zu berücksichtigen. Nach den vorliegenden Familienüberlieferungen hatte er bis 1937 Kontakte zum Widerstand gegen das NS-Regime und trat anschließend der NSDAP bei, vermutlich um sich und seine Familie vor Repressionen zu schützen. Die Feldpostbriefe enthalten jedoch keine direkten politischen Äußerungen, die eine eindeutige Bewertung seiner Haltung erlauben würden. Gerade dieses Schweigen kann unterschiedliche Ursachen haben: persönliche Vorsicht, die militärische Postzensur oder die Konzentration auf die alltäglichen Herausforderungen des Dienstes. Die Briefe sollten daher weder als Zustimmung noch als Ablehnung des Regimes interpretiert werden, sondern zunächst als Zeugnisse individueller Kriegserfahrung.
Anmerkung zur Edition:
Der Text der Feldpostbriefe wird in der Originalschreibweise wiedergegeben.
Feldpostkarte an Maria (zum Standort Stollberg) vom 07.05.1941
„L. M.,
Quelle: Original Feldpostbrief
ich bin mir nicht klar darüber, ob Dich diese Karte auch in Stolberg erreicht; deshalb nur Kurz einen Gruss.
Einen Wunschzettel schicke ich Dir nach Beuel.
Kaufen kann ich mir hier nichts ausser täglich 6 Zigaretten + Bier in Flaschen.
Eine Kantine gibt es nicht, + in den Ort dürfen wir nicht.
Hoffentlich geht es Dir gut. Geh bitte bei Alarm pünktlich in den Keller.
Dein Otto
Vielen Dank für Deinen langen Brief.“
Feldpostkarte an Maria (zum Standort Beuel) am 07.05.1941
„L.M,
Quelle: Original Feldpostbrief
heute kamen dein Brief und deine Karte, Dank!
Wer ist Zimmermann? Die Karte aus Hagen war nur ein Versuch zu Verständigung. Ich wusste nicht, ob Du sie noch bekommen würdest.
Warum keine Nachricht über Mi….1 ?
Schreib, sobald du wieder zu Hause bist.
dein O.“
Feldpostbrief an Marie vom 7. 5. 1941
„liebes Mariechen,
Quelle: Original Feldpostbrief
dein Brief hat mir grosse Freude gemacht. Hoffentlich geht das Mimmelchen da nicht laufen. Und du geh bitte immer in den Keller, wenn Flieger da sind. – den Schuhbezugsschein halt bitte vorläufig da. Es ist möglich, dass ich vor Ablauf der Zeit Urlaub bekomme.
Sieh aber mal, ob Du ein paar Schuhe, schwarze Halbschuhe, Nr. 46 bekommst. Wenn die Nummer stimmt, passen die bestimmt.
Und dann schick mir diese Schuhe. Ich könnte sie hier gut gebrauchen.
Sieh mal, was noch in meinem Rock steckt. Ich vermisse Pfeifenstopfer, Karte zum Postsparbuch.
Im Durcheinander habe ich wohl manches brauchbares weggeschickt. Das Postsparbuch brauche ich wohl vorläufig nicht.
Was brauche ich sonst noch? Was fällt mir noch ein? Meine Umgebung ist jetzt so verschieden von allem früheren, dass ich alle Einzelheiten gar nicht darstellen kann.
Heute kam dein Brief aus Stolberg. Es ist schön, wenn du oft schreibst. Die Behandlung ist hier nicht schlecht, wenn sie mir auch oft unvernünftig vorkommt.
Die Vorgesetzten sind auch verschieden, im Ganzen betrachtet an uns aber als ältere Leute. Wünsche, die mir noch einfallen: Butterdose aus Blech, grössere Blechdose für Wurst + Käse, Frühstücksbrettchen aus Holz. Zigarrenkistchen. Und vor allem Zigaretten (Golddollar + North-State besonders) – mehr in einem anderen Brief.
dein Otto
Historischer Kontext zu den Feldpostbriefen und Goebbels Tagebuch:
Die Feldpostbriefe vermitteln die Wahrnehmung eines einzelnen Menschen.
Welche politischen Einschätzungen, Erwartungen und propagandistischen Deutungen die nationalsozialistische Führung am selben Tag entwickelte, zeigt der folgende Tagebucheintrag von Joseph Goebbels. Die Gegenüberstellung dient der historischen Kontextualisierung und soll unterschiedliche Perspektiven auf denselben Zeitpunkt sichtbar machen; sie bedeutet keine Gleichsetzung der Quellen.
Tagebucheintrag Joseph Goebbels vom 7. Mai 1941:
7. Mai 1941
Gestern:
Nachtangriffe auf Heidelberg und Mannheim. Wenig Schaden.
Wir greifen englische Küstenstädte mit 460 Maschinen an. Größter Schaden in Glasgow. Um Tobruk wird sehr heiß gekämpft. Die Engländer bekommen von See Verstärkung. Unsere Leute halten sich gut. Das Duell kann noch einige
Zeit dauern. Rußland rückt immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses. Stalin und seine Leute bleiben vollkommen untätig. Wie das Kaninchen gegenüber der Schlange. Auch im Zug der allgemeinen europäischen Stimmung uns gegenüber. Es wird ein Haberfeldtreiben werden. Gelingt der Schlag, und er wird gelingen, dann sind wir fürs erste gesichert. Mit welchem plausiblen Ziel will England dann noch kämpfen?
Die Führerrede:
Heftige Polemik gegen die Führerrede im feindlichen Ausland. Argumente: es geht 1942 weiter, schwere Verluste im Balkan, der Führer hat nichts Neues gesagt. Ich lasse kräftig dagegen Stellung nehmen und greife Churchill massiv an. Dieses alte Lügenschwein kann nur hart und brutal angefaßt werden.
Im Übrigen sage ich im Inlandsdienst garnichts zu der Frage, ob es 1942 noch weitergeht. Dazu hat der Führer gesprochen. Man darf dem Volk auch nicht alle eigenen Sorgen abnehmen. Wir sind Arzt für das Volk, aber nicht Kurpfuscher oder Allerweltsdoktor. Und das Volk darf durch seine Führung
auch nicht verwöhnt werden.
Kürzung der Fleischrationen
Schwere Aufgabe, dem Volk die Kürzung der Fleischrationen klar zu machen. Ich gehe nochmal alle Argumente durch, lehne eine Reihe als psychologisch unwirksam ab. Jetzt haben wir schon klarere Bahn.
P.K2.
Ich stoppe die hier und da auftauchende Propaganda der P.K. für Feldgeistliche ab. Orchestertarife wieder abgeschafft. Nur eine Mindestgehaltgrenze wird festgelegt.
Bei den Etatsverhandlungen haben wir nun eine Reihe neuer höherer Stellen bewilligt bekommen. Damit kann ich nun wieder verdiente Leute befördern.
Ungarn
Schmidt-Decker berichtet aus Ungarn: unentwegt kühle, manchmal sogar feindliche Stimmung. Das A.A.3 ist zu nachgiebig. Die A.O.4 könnte viel tuen, wenn sie mehr Bewegungsfreiheit hätte. St. Bürokratius lebt auch bei uns noch.
„Musikpolitik“
Furtwängler: er ist von seinem Schiunfall genesen. Fragen der Musikpolitik.
Klagen gegen Karajan. Er will die Brucknergesellschaft in Wien belassen und nicht nach Linz geben. Sonst allgemeine Musikprobleme. Er ist wieder sehr aktiv.
Serbische Front:
Graf Helldorff 5kommt von der serbischen Front. Er berichtet von dem unwahrscheinlichen Siegeszug unserer Truppen. Alle alten Gesetze von Taktik und Strategie auf den Kopf gestellt. Er sieht auch in der Rußlandfrage sehr optimistisch. Wird dort auch eingesetzt werden. Belgrad muß schauderhaft aussehen. Vom Ostfeldzug spricht an der Front jedermann. Der junge Soldat
will heran an den Feind. Der alte dagegen möchte wohl manchmal zu Muttern zurück. Das ist natürlich und verständlich.
Wien
Kaufmann-Wien: er zeigt mir Pläne für eine neue provisorische Versammlungshalle in Wien. Brauchbar!
In Wien steht es sonst gut. Der Gau dort will eine Zentrale für Südostfragen aufmachen. Ich drehe das ab. Wien ist ein Gau,
mehr nicht. Die Reichspolitik wird in Berlin gemacht. Das muß so sein und bleiben, schon um der Einheit des Reiches willen.
Lanke
Spät am Nachmittag müde und abgearbeitet nach Lanke. Der Führer ist immer noch in Danzig. Ich kann also in Ruhe mein Tagespensum erledigen. Dazu hat man auch für gewöhnlich einen guten Tag nötig.
Ostafrika
Haile Selassi zieht wieder in Addis Abeba ein.
England:
In London macht sich wieder starker Pessimismus breit. Vor allem bzgl. der Tonnageverluste, die England ins Mark treffen. Eden hält im Unterhaus eine Verteidigungsrede: blasses Geschwätz ohne Substanz. Lediglich faule Ausreden.
Japan:
Matsuoka gibt ein Interview: wenn USA in den Krieg eintritt, wird Japan schießen. Die Botschaft hör‘ ich wohl. Aber es ist schon gut, wenn er es wenigstens sagt.
Iran:
Im Iran wird fleißig geschossen. Das ist gut so.
Abends:
Abends Luftwaffenbesuch. Oberst Schmidt, Major Schuhmacher und Hauptmann v. Werra, eben frisch von Canada und USA zurückgekehrt. Er erzählt uns bis nachts um 2h seine abenteuerliche Flucht aus England, Canada und
USA. Eine ganz tolle Geschichte, die man nur wiedergeben kann, wenn man ein Buch darüber schreibt. Ein spannender, hinreißender Abend. Dieser Junge von 26 Jahren ist ein wahrer Held. Man kann nur Bewunderung für ihn haben.
Welche Söhne besitzt heute wieder unser Volk. Sie sind dieser großen Zeit würdig.
Anmerkungen
„Rußland rückt immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses.“
Aus heutiger Sicht gehört die wiederholte Beschäftigung Goebbels‘ mit der Sowjetunion zu den aufschlussreichsten Passagen des Tagebucheintrags. Obwohl die Öffentlichkeit noch nichts von den konkreten Angriffsplänen wusste, zeigt sich innerhalb der NS-Führung bereits die Erwartung eines bevorstehenden Krieges gegen die UdSSR. Goebbels beschreibt die Sowjetunion als passiven Gegner und geht selbstverständlich von einem erfolgreichen deutschen Angriff aus. Die Selbstverständlichkeit, mit der ein Krieg gegen die Sowjetunion als nahezu unausweichlich erscheint, verdeutlicht die ideologische Prägung der nationalsozialistischen Führung.
Fleischrationierung
Besonders bemerkenswert ist Goebbels‘ Beschäftigung mit der Kürzung der Fleischrationen. Der Eintrag macht deutlich, dass die nationalsozialistische Führung die Stimmung der Bevölkerung sehr genau beobachtete. Obwohl Deutschland seit den frühen Kriegsjahren zahlreiche Gebiete kontrollierte, belasteten Rüstungsproduktion, Versorgung der Wehrmacht und die britische Seeblockade zunehmend die Versorgungslage. Goebbels betrachtet die Einschränkungen nicht als wirtschaftliches Problem, sondern vor allem als propagandistische Herausforderung. Seine Überlegungen zeigen, wie eng Versorgungspolitik und öffentliche Meinungslenkung miteinander verknüpft waren.
Quellenkritische Anmerkung zu Goebbels‘ Tagebuch
Die Tagebücher Joseph Goebbels‘ gehören zu den wichtigsten Selbstzeugnissen der nationalsozialistischen Führung. Gleichwohl sind sie keine objektive Darstellung der Ereignisse. Goebbels schrieb als Reichspropagandaminister und formulierte seine Einträge häufig mit Blick auf eine mögliche spätere Veröffentlichung. Die Tagebücher geben deshalb weniger Auskunft über die tatsächliche Lage als über Wahrnehmungen, Absichten und Deutungsmuster der NS-Führung. Ihr besonderer Wert liegt darin, mentale Strukturen, Erwartungen und propagandistische Strategien sichtbar zu machen. Teile der Tagebücher wurden diktiert und überarbeitet. Goebbels verstand sie nicht nur als private Aufzeichnungen, sondern auch als Dokumentation seiner politischen Tätigkeit.
Goebbels Tagebucheintrag:
Quelle: Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte
und mit Unterstützung des Staatlichen Archivdienstes Rußlands
Herausgegeben von Elke Fröhlich
Schlussbemerkung:
Während Otto Coenen darüber nachdenkt, woher er passende Schuhe, Zigaretten oder eine Butterdose bekommen kann, beschäftigt sich die NS-Führung bereits mit dem nächsten großen Kriegsschritt in Europa. Gerade diese Gleichzeitigkeit macht die Quellen so interessant. Im Alltag des einzelnen Soldaten spielen die großen strategischen Planungen kaum eine Rolle. Im Hintergrund werden jedoch Entscheidungen vorbereitet, die wenige Wochen später mit dem Überfall auf die Sowjetunion Millionen Menschen betreffen werden.

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